Klaus Reisepage
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Mongolei – Tiefer Osten 2018  / Teil 2 Chernobyl

Mongolei – Tiefer Osten 2018  / Teil 2 Chernobyl

 

Ich habe im Vorfeld meiner Reise eine Tour nach Chernobyl gebucht, bei https://chernobylvisit.com

Kann ich übrigens wirklich empfehlen, angenehme Abwicklung im Vorfeld, keine Anzahlung und der Rest vor Ort.

 

Treffpunkt war Morgens um 8 bei der Universität. Mit dem Taxi aus dem Hotel leicht zu finden.

Wir waren eine kleine Gruppe von 7 Leuten, die mit einem VW Bus die 2 Stunden Richtung Chernobyl fuhren.

Unser Guide wurde dort selbst als Kind evakuiert und er hatte wirkliches Interesse, den Besuchern die ganze Geschichte näherzubringen. Man merkte seinen Idealismus und er hat das auch angenehm erzählt.

Es ging schon mal mit einem Film auf der Fahr in das Sperrgebiet los, da wurde schon mal alles erzählt wie das Unglück entstand, wie es ablief und was für Folgen es hatte.

Auf das hinauf wurden wir da schon mal ruhig.

 

Unser Guide hat uns auch sehr professionell über die Situation mit der Radioaktivität aufgeklärt. Gefahren bzw eben die nicht Gefahren.

 

Beim Sperrgebiet angekommen warteten Einige Busse mit Besuchern auf Einlass, wir bekamen nochmals eine Belehrung über Verhaltensregeln und was dort verboten ist und nach einem Stop am Souvenierschop und der Kontrolle von den Sicherheitskräften ging es in das Gebiet.

Zuerst in die Zone 2, die äußere Zone die etwas weniger an Strahlung abbekommen hat.

 

Generell arbeiten in Chernobyl auch heute noch ca 2500 Personen, die den Betrieb der Anlagen überwachen, bzw deren Rückbau und auch die Umgebung sichern.

Diese wohnen in der Stadt Chernobyl, die die Zone 3 darstellt.

Einsatz ist immer entweder 4 Tage Arbeit, 4 Tage frei, oder 15 Tage Arbeit, 15 Tage frei.

 

In der Zone 2 leben auch Menschen, Viele, gerade alte Einwohner haben damals gar nicht verstanden warum sie weg mußten, hat man doch nichts gerochen oder gesehen von der Gefahr.

Also ließ man die Leute die schon 70 waren auch wieder in ihre Häuser zurück, da es wenig sinnvoll ist diese wegen der Gefahr eines kürzeren Lebens in dem Alter von ihrer Heimat auszusiedeln.

Gerade diese Alten Menschen haben damals auch starke Probleme gehabt sich woanders neu einzugewöhnen.

Es waren wohl über 4000 Menschen, die damals wieder zurück durften, heute leben noch ca 130 davon in der Zone.

 

Auf dem Weg in die Zone 3 geht es schon in verlassene Dörfer, die komplett zugewachsen sind, man kann die Strassen und die Gebäude teilweise nur mehr erahnen.

Sehr gespenstisch ist es, wenn man die Einrichtungen sieht, die den Eindruck erwecken, das die Leute nur kurz weggegangen sind um sofort wiederzukommen.

 

Wie wir später erfuhren war es auch das, was die Einwohner damals dachten als sie evakuiert wurden.

 

In der Zone 3, also der Stadt Chernobyl findet man neben den Arbeiterquartieren auch noch die Denkmäler für die Feuerwehrmänner, die damals nach der Explosion und dem Feuer die Ersten waren die am Unglücksort eintrafen und die mit Löschversuchen angefangen haben.

Für Sie war es ein normaler Einsatz, keiner dachte da an ein Unglück in der Größenordnung. 

Nur haben die Jungs in wenigen Minuten eine vielfach tödliche Strahlendosis abbekommen und es verstarben wohl Alle innerhalb von 2 Wochen.

Selbst Ihre Leichen waren so verstrahlt, das sie nicht auf normalen Friedhöfen beerdigt werden konnten, sondern in Moskau in Sonderbehältern bestattet werden mußten.

 

Auch Denkmäler mit den Namen aller evakuierten Orte in dem Gelände sind hier 

Aufgestellt. Immerhin wurden fast 200 Dörfer evakuiert.

 

Nach Chernobyl geht es in den Inneren Sicherheitsbereich, die Zone 1.

Hier ist nochmal ein Checkpoint und hier  leben auch keine Menschen mehr.

 

Nach dem Unglück wurden alle Holzhäuser abgerissen und an Ort und Stelle eingegraben, weil man zuviel Angst hatte das die einmal brennen und die Radioaktivität in die Luft abgeben.

Ebenso wurde von speziellen Jägern alles was an Tieren da war erlegt, damit diese nicht stark verstrahlt in andere Gebiete wechseln.

 

Die Menschen selbst wurden in dem Glauben gelassen alles wäre OK.

Viele in Prybiat, der Arbeiterstadt in 3 km Entfernung hörten die Explosionen in der Nacht sehr wohl, doch war das damals nichts ungewöhnliches und keiner hatte Angst.

 

Erst als am nächsten Tag eine Unmenge an Soldaten mit Atemschutz herumlief war klar das etwas passiert sein mußte, die Regierung beruhigte jedoch noch, auch wenn die Planungen für die Evakuierung schon anliefen.

Hauptproblem hier war die Unmenge an Bussen heranzuschaffen um die Menschen hier wegzuschaffen.

 

Als es dann soweit war wurde diesen erklärt, sie müßen das Gebiet für 3 tage verlassen, dies tat man deswegen, damit keine Panik ausbrach und die Leute nur das Notwendigste mitnahmen.

 

Gleichzeitig waren die Aufräumarbeiten in vollem Gange, denn im Reaktor brannte es immer noch.

Dazu kam, das die Experten mit einer 2. Großen Explosion rechneten, die nach Ihrer Einschätzung 3-5 Megatonnen stark sein würde und die die Millionenstädte Kiev und Minsk dem Erdboden gleichmachen würde.

Mehrere Hundert mal stärker als Hiroshima und Nagasaki gemeinsam wenn das wirklich passiert.

Und das war auch der Grund, warum man sofort 100.000 Soldaten an den Reaktor schickte, um dort den Block 4 und 3 am Dach aufzuräumen, denn erst dann konnte man von Hubschraubern Säcke mit Bor, Blei, Quarz usw in den Reaktor werfen um die Gefahr einer Explosion einzudämmen.

Die Arbeiter hatten am Dach zwischen 45 Sekunden und 2 Minuten Zeit bevor sie eine tödliche Strahlendosis abbekamen. Das ging nur indem man vom Treppenhaus rauslief, 2-3 Schaufeln an Schutt über die Dachbrüstung schaufelte und wieder zurückrannte.

 

Gleichzeitig zog man 100.000 Bergarbeiter zusammen die einen Hohlraum von 30 x 30 Metern unter dem Reaktor graben mußten. 10.000 davon waren gleichzeitig am Arbeiten.

Zu dem Zeitpunkt ging man davon aus das sich das 3500° heiße Plasma bis unter den Reaktor durchfressen würde und man wollte dort eine Kühlung einbauen wenn man es nicht schaffen würde von Oben die Schmelzung zu stoppen.

Die Kühlung wurde später nicht notwendig und man hat das dann mit Beton ausgefüllt.

 

Und zusätzlich schaffte man 400.000 „Liquidatoren“ herbei, die auch mithalfen den Reaktor und die Umgebung so schnell wie möglich wieder auf Sicherheitslevel zu bringen.

 

Nach 3 Tagen war man zumindest soweit, das die Gefahr einer Nuklearexplosion nur mehr bei 30% lag.

 

Die Städte Prybiat und Chernobil wurden „gewaschen“, also alle Hausfassaden, Dächer usw um den radioaktiven Staub zu beseitigen. 

Erde wurde abgegraben und woanders hingeschafft.

 

Offiziell gab es bei der Aktion ca 130 Tote, später wurde inoffiziell eine Zahl von 4000 Toten angegeben, die an Langzeitfolgen starben.

Experten gehen aber von 20% an Toten mit Langzeitfolgen nach, wobei auch Forscher sagen, das die Zahl nicht seriös untermauert werden kann, weil nach 10 Jahren läßt sich zb schwer feststellen, ob Jemand an Krebs vom Unglück gestorben ist, dieses auch so bekommen hätte oder zB an übermäßigen Schnapskonsum.

Fest steht jedenfalls, das die Zahl der Toten nach dem Unglück sehr hoch war.

 

Auch interessant war, das nach dem Unglück die Stromproduktion in Chernobyl hochgefahren wurde und mehr Strom produziert wurde als vor dem Unglück.

Denn es wurde der Strom ja benötigt.

Die in Bau befindlichen Reaktoren 5 und 6 ( von ursprünglich geplanten 10 ) wurden aber nicht weitergebaut.

Das Kraftwerk wurde stillgelegt, im Dezember 2000 wurde der letzte Block abgeschaltet.

 

Mit diesem Wissen war es etwas eigenartig, als wir dann plötzlich 150 Meter entfernt vom Reaktor 4 standen und diesen fotografieren durften.

Doch die Radioaktivität ist gerade hier am Geringsten, denn dieser Bereich wurde am Besten dekontaminiert.

Bezüglich Radioaktivität:

Bei einem Interkontinentalflug zB New York nach Frankfurt bekommt man eine höhere Strahlendosis ab als an eine Tag in Chernobyl.

 

Nach dem Stop am Reaktor ging es zum Lunch in die Kantine, wo auch die Arbeiter hingehen.

Um 100 Grivna, also ca 3 Euro bekommt man da eine wirklich tolle Mahlzeit mit Suppe, Auswahl an Gerichten und Nachspeise.

 

Und hier konnte man auch einmal probeweise durch einen Strahlenscanner um zu sehen ob man über den Grenzwerten liegt.

War keiner von Uns, und das kommt nach Aussage vor Ort auch sehr Selten vor. Und nur dann, wenn sich Besucher nicht an die Auflagen halten und wo hinlaufen wo sie nicht sollen.

 

Nach dem Lunch ging es nach Prybiat, der Geisterstadt, die als Vorzeige Arbeiterstadt in den 70ern gebaut wurde.

Die Einwohner ( Arbeiter am Kernkraftwerk mit Familien ) waren wohlhabender als der Rest damals, sie verdienten gut, hatten überdurchschnittlich viele Privat PKW.

 

Die Gebäude sind zugewachsen, die breiten Prachtstrassen bestenfalls zu erahnen, heute führen nur mehr kleine Pfade dazwischen durch.

Die Prachtbauten verfallen, und seit 3 Jahren kommt es durch die Wassereinbrüche auch zu ersten Einstürzen. Ein Grund warum das Betreten der meisten Häuser verboten ist.

 

Die Stadt ist eine Geisterstadt, der Vergnügungspark nur mehr von Skeletten eines Riesenrades und einer Autodromanlage und einzelner Spielgeräte eingerahmt, die Sportstädten verfallen, sei es das Schwimmbad oder das Stadion, an den alten Bauten, Hotels, Restaurants, Konzerthallen sind noch überall die Wahrzeichen Sozialistischer Zeit zu sehen.

In einer Schule war ein Lager für gebrauchte Schutzmasken, die heute zwischen Kinderspielzeug und Schulbüchern herumliegen.

Von den Decken tropft Wasser und es ist eine Frage der Zeit bis auch diese Gebäude einstürzen.

 

Nach dem Besuch von Prybiat waren wir alle sehr still.

 

Es ging weiter am „Roten Wald“ vorbei.

Dieser hatte nach dem Unglück die Farbe der Blätter von Grün auf Rot gewechselt, das war auch ein „Hotspot“ an Radioaktivität. Heute ist davon aber nichts mehr zu sehen.

Apropos Hotspot.

Unser Guide zeigte uns Stellen, da ging der Geigerzähler von 0,08  Microsievert auf 45 Mircosievert. Normale Umgebungsstahlung ist bei 0,05 Microsievert. In Gegenden die nicht Chernobyl sind.

Ein sehr hoher Wert, aber auch hier, es macht die Dosis aus, die man mit der Zeit zu sich nimmt, ein kurzer Aufenthalt ist nicht mal der Rede wert.

 

Wir fahren weiter zu einem anderen Bauwerk in dem Sperrgebiet, dem militärischem Komplex DUGA.

Dieser war hochgeheim, und war auf Karten auch als Freizeitanlage für die Pioniere, eine Jugendgruppe in Russland eingezeichnet.

Die Planung muß schon in den50ern begonnen haben, denn da wurden die Bäume so gesetzt, das man später die Anlage nicht sehen konnte, noch heute ist die Reihe der Pflanzungen noch gut zu sehen.

 

DUGA war ein Teil einer Reihe von Horizontüberschreitenden Radaranlagen, mit denen man die Starts von Raketen in weit entfernten Gebieten registrieren wollte.

Die Anlage hat etwa das Doppelte gekostet als der Bau der gesamten Atomanlage Chernobyl ( Auch Anlage Lenin genannt ) 

Ein Teil der Geheimhaltung war auch, das man es als Anlage deklarierte, die das Wetter verändern sollte. Dieses Gerücht hält sich auch heute noch hartnäckig bei manchen Leuten.

Es gab damals 3 dieser Anlagen in der Sowietunion.

Auch die USA hatten ein Gegenstück davon, genannt HARP

Die Anlage selbst hatte gigantische Ausmaße.

150 Meter hoch, 450 Meter breit ( und eine kleine Nebenanlage mit 90 Metern )

Nach dem Unglück konnte diese Anlage auch nicht mehr betrieben werden.

 

Heute rostet sie vor sich hin, und es kommen immer wieder Kletterer illegal auf das Gelände, die dann in der Nacht auf diesen Gerüsten herumklettern und in den Wäldern versteckt übernachten. Eine etwas gefährliche Sache, denn es gibt schon kleine Hotspots wo man damals auch stark verstrahlte Geräte vergraben hat, die man bei Touren nie betritt, aber die man durchaus betreten kann wenn man nicht weiß das die da sind und keinen Geigerzähler hat.

 

Nach dem Besuch von DUGA geht es endgültig wieder hinaus aus dem Sperrgebiet und jeder muß hier durch die Strahlenscanner, an beiden Checkpoints.

Wir haben alle diese ohne Probleme passiert .

Wenn es mal Probleme gibt dann meist mit Schuhen, die werden dann in einer Speziallösung gewaschen. Und auch das kommt selten vor.

 

Wir haben natürlich bei der Rückfahrt viele Frage an unseren Guide.

Und ich muß klar sagen, das ist kein typischer Touristen Attraktionsbesuch, das ist etwas das man wirklich mal verarbeiten muß und das sehr nachdenklich macht.

 

Ich habe diesmal auf meiner Reise mehr so Stätten besucht und habe das bewußt gemacht. 

Und ich bin froh darüber

 

 

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© Klaus Hübner